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Die Wanderung

Wandertagebuch

Wir wollen von unserer Wanderung berichten und freuen uns über Kommentare von euch

Nachtrag zum Eintrag vom 27.- 30.08.2019

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 02.09.2019 14:21

Nachtrag zu den letzten Begegnungen

☆ Fangen wir mit einem großen Dankeschön an. Es gebührt Josef Erdrich und den ‚Flotten Sohlen‘. Zunächst einmal freuen wir uns sehr über das schöne Gruppenbild. Des Weiteren ist die Aufklärung über den LKW auf der Hornisgrinde erhellend: Er hat sich nicht verfahren und statt der vermuteten Steine Hackschnitzel für die Heizungsanlage des neuen Restaurants geladen. Angeregt hat uns auch das Vergnügen der Wandergruppe die sich jeden Mittwoch bei Wind und Wetter auf die Sohlen macht.

☆ Auf der Wilhelmshöhe heißt es Abschied nehmen von den‚ Weschtwegwander*innen‘. Nach einem gemeinsamen Abend ziehen sie zünftig weiter während wir es gemächlich angehen lassen.



27. – 30.08.

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 30.08.2019 19:12

Wir sind aufgestiegen! Den ersten 1.000er haben wir (im wahrsten Sinne des Wortes) erschlichen. Nach der der Schwarzach-Talsperre winden sich steile steinige Waldpfade zum 1.001 m hohen Seekopf. Oben angekommen sind nicht nur unsere Shirts und Mützen schweißnass sondern auch die Rückenpolster der Rucksäcke durchgeweicht. Der Schwarzwald ist schon eine andere Liga als die bisherigen Mittelgebirge. Nicht von ungefähr ist er Sommer- und Wintertourismusgebiet, was in den Preisen der Unterkünfte deutlich zu Buche schlägt.

Die verheerenden Stürme in den 1990er Jahren haben die Fichten auf dieser und zahlreichen anderen 900er bis 1.000er Kuppen dahin gemäht. Eine Chance. Umgekippte Wurzelteller und Stämme wurden (sofern nicht vom Borkenkäfer befallen) liegen gelassen oder ragen noch als bizarre Baumskelette in den Himmel. Endzeitstimmung würden sie verbreiten, hätte sich dazwischen nicht eine Pfeifengras-, Heide- und Heidelbeerflur ausgebreitet. Hier darf sich jetzt sukzessive ein Naturwald aus Kiefern, Vogelbeeren und Buchen entwickeln, der dem Klimawandel (hoffentlich) standhält. Da die Fichte sehr vermehrungsstark ist, wird ihr Aufwuchs von den Naturpark Rangern weitestgehend entfernt, damit sie nicht wieder zur dominanten Baumart heranwächst.

Auf dem 1.140 m hohen Hornisgrinde gerät Georg ‚aus dem Häuschen‘. Dort grast eine Schaf- und Ziegenherde, darunter mehrere mächtige Geisböcke. Und ganz in der Nähe wächst ein Glückspilz, wenn das kein gutes Omen für den Aufsteiger ist was dann? Aber dann, eine Fata Morgana? Ein LKW mit Anhänger hat sich offenbar verfahren, zirkelt über den schmalen Weg, wendet und fährt weg (vermutlich zu dem unterhalb befindlichen Steinbruch). Aber die Krönung: Am Führerhaus steht in großen Lettern 1. FC KÖLN und der gleiche Schriftzug findet sich dann noch viel größer am Hänger!!! Das toppt das FC gebrandete Motorrad, das wir vor einer Weile gesehen haben um Längen.

Da die Altvorderen ihre Siedlungen (in der Regel) in den Tallagen gebaut haben, ist das Muster unserer Wanderungen immer ähnlich während die Eindrücke stets völlig unterschiedlich sind. Morgens heißt es von der Unterkunft nach oben kraxeln, oftmals erst über befahrbare Schotterwege, dann auf verschlungenen Pfaden durch den Wald. Auf den Höhen genießt man immer wieder grandiose Ausblicke und dann geht’s wieder runter in den Wald, der jedes Mal anders ist. Und dann heißt es wieder nach oben schnaufen und schon geht’s wieder leichtfüßig nach unten und nochmal und nochmal und nochmal auf und ab und endlich ganz runter zum nächsten Hotel.

In den letzten Tagen haben wir viele schöne Begegnungen, viele mit Wandernden die den Weschtweg (Westweg) gehen. Er führt von Pforzheim bis Basel und ist meist identisch mit dem E1:

☆ Da ist das junge Paar aus Hamburg Sasel, das wir bei einer Verschnaufpause treffen.

☆ Unterwegs und in den Herbergen begegnen wir Wandernden, die einen ähnlichen Rhythmus haben.

☆ Sehr anregend ist das Zusammentreffen mit den ‚Flotten Sohlen‘ einer Damen Wandergruppe mit zwei begleitenden Herren aus Oberkirch (siehe Kommentar) verlaufen.

☆ Ganz besonders ist die gemeinsame Pause mit der Eselwandergruppe. Auch sie gehen den E1, jedoch in Etappen. Während die Esel friedlich grasen, berichten die Menschen vom Glück, mit Eseln unterwegs zu sein.

☆ Einen spontanen Empfang bereiten uns die Herren von der Ortsgruppe Wolfach des Schwarzwaldvereins auf der Hohenlochhütte. Sie haben gerade den Zaun flott gemacht. Wir kriegen eine Führung und werden zu den Kaffee und Kuchen eingeladen.



24. – 26.08.

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 26.08.2019 14:07

‚Herzlich Willkommen im Schwarzwald‘, so begrüßt uns die Wirtin der Pension Heidi in Dobel, (ca. 25 km südlich von Pforzheim). Und tatsächlich, die Atmosphäre hat sich verändert. Der Wald ist wilder, auf einer Alm grasen Kühe und es gibt richtig viele Wandersleute. Beim Abendessen in der Linde werden ebenso wie im Frühstücksraum Erfahrungen ausgetauscht. Da ist die Stimmung deutlich vitaler als in vielen Landgasthöfen, in denen wir die einzigen Gäste gewesen sind.

Der zweite Wandertag im Schwarzwald überrascht mit grandiosen Ausblicken und faszinierenden Felsformationen; aber er ist auch höllisch anstrengend (28 km, 600 m Aufstieg, 900 m Abstieg, 28 Grad). Ziel ist Forbach, wo wir einen Pausentag einschieben.



21. – 23.08.

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 26.08.2019 13:57

Mit dem letzten Blogeintrag haben wir uns selbst gefeiert. 1.000 km – von Hamburg bis Heidelberg – zu Fuß – im Zickzack durch Deutschland! So richtig können wir das selbst gar nicht glauben. Heller Wahnsinn! Ehrlich gesagt, zu den Zutaten für das Projekt gehört neben der großen Schippe Wahnsinn bei all der Kraxelei und den Durststrecken auch eine satte Portion Leidensfähigkeit.

Wir gehen am Stock.
Pashya/ Gerti hat von Beginn an Wanderstöcke dabei, diese aber kaum (wie bescheuert), zuletzt am Kahlen Asten benutzt. Eine Wanderin gab den Impuls dazu sie wieder einzusetzen und Georg hat sich anstecken lassen und in Heidelberg Stöcke erstanden. Der Einsatz hat sich bewährt, Gewichtsverteilung und Stabilität sind besser, Knie werden entlastet und nicht zuletzt unterstützen die Sticks das‚ Achtsame Gehen‘. Der Weg ist das Ziel.

Zwischen Heidelberg und Pforzheim ändert sich der Charakter der Landschaft und unsere Stimmung. Alles in allem wird es weniger reizvoll.Hier ein kurzer Abriss unserer Erlebnisse und Beobachtungen:

☆ Erstmals auf unserer Wanderung haben Verständigungsschwierigkeiten. In einem Waldstück bei Mühlhausen treffen wir auf einen gesprächigen, älteren Jäger. Ungefragt erfahren wir einen Abriss eines Lebens über 80-jährigen Lebens. Von der wortreichen Erzählung haben wir nicht alles verstanden; Worte wie ‚äbbe‘ und ‚schaffe‘ kamen jedenfalls häufig vor und dazu ganz viele ,‘sch’s‘. Es ging auch um Dachse, die sich vor uns aber verbergen, anders als eine zarte Blindschleiche, die sich am Weg entlang schlängelte.

☆ In Dielheim streifen wir das Weinanbaugebiet Kurpfalz und übernachten wir beim Bio Winzer Goldene Gans. Hier lernen wir, dass nicht die klassischen Weinsorten sondern schädlingsresistente Sorten, angebaut werden, die ohne chemische Pestizide gedeihen. Als Schlummertrunk mündet ein trockener Brommer.

☆ In Östringen lädt die lauschige Atmosphäre eines Kiwi zum Eintauchen in die regionale Küche ein. Es gibt Maultaschen, Kartoffelsalat, Wildbratwürsten und Sauerkraut und natürlich Spätzle.

☆ Je weiter wurde nach Süden kommen umso weniger Fachwerkgebäude sehen wir. Zunehmend prägen Putzbauten mit betonter Fensterumrahmung aus Sandstein oder Farbe.

☆ Sowohl bei Mehrfamilien- wie auch bei Einfamilienhäusern sind pflegeleichte Schottervorgärten der Hit.

☆ Wie schon in anderen Regionen sind die Zumutungen des Auto- und insbesondere des Schwerlastverkehrs in den Ortschaften kaum erträglich und sicher mit verantwortlich für die Entleerung der Ortskerne.

☆ Hier, in der Nähe der Industriestädte Mannheim und Ludwigsburg treffen wir auffällig viele migrantische Ökonomien an, und das nicht nur in der Gastronomie. Sie füllen Gebäude und Läden mit neuem Leben. Gut, dass es Zuwanderung gibt.

☆ Diese Region gehört nicht zu Schwaben, aber das Schwäbische strahlt aus. Die Frühstücksbrötchen sind streng rationiert, eineinhalb pro Person, Wenn’s üppig ist auch mal zwei.

☆ Mut zur Lücke. Etwa 40 km Luftline abseits unseres Weges findet in Heilbronn die diesjährige Bundesgartenschau statt. Die kurze Überlegung zu einem Ausflug wird schnell wieder verworfen.



3. Zwischenstand

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 20.08.2019 19:26

Insgesamt 1.000 km – von Hamburg bis Heidelberg – zu Fuß im Zickzack durch Deutschland

3. Zwischenstand von Schweinsbühl (Sauerland/Waldecker Upland) bis Heidelberg
Gesamtstrecke


15. – 20.08.

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 20.08.2019 18:48

Der Abendspaziergang führt uns auf die Mathildenhöhe, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes der Höhepunkt von Darmstadt. Das verdankt die Stadt dem Kunstsinn des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen. Geleitet vom Kunstinteresse gründete der begüterte Landesherr, Offizier, Advokat und Enkel der Queen Viktoria 1899 die Künstlerkolonie Mathildenhöhe. Mit dem Credo: ‚ Mein Hessenland blühe und mit ihm die Kunst‘, stieg Darmstadt zum internationalen Zentrum der Künste auf. Zwischen 1900 und 1914 schufen internationale Architekten und Entwerfer im Zusammenwirken mit internationalen Firmen ein Gesamtkunstwerk auf der Mathildenhöhe. Die Architektur und Innenausstattung der fünf Villen sowie des Atelier- und Ausstellungsgebäudes, der Außenanlagen und des Hochzeitsturms entstanden aus einem Guss und damit die erste Internationale Bauausstellung (so wurde der Besuch für Pashya/Gerti auch noch zum Revival ihres früheren IBA Lebens).

Südlich von Darmstadt betreten wir den Odenwald, von dem wir durchweg sehr angetan sind. Das bewegte Relief und die abwechslungsreiche Landschaft verströmen das Flair von heiler Welt.

Da ist z.B. das Felsenmeer:
Der Sage nach entstand es bei einem Streit zweier Riesen, die sich mit Felsbrocken bewarfen. Der eine war ‚Felshocker‘, er wohnte auf dem Felsberg, der andere hieß ‚Steinbeißer‘ und hauste auf dem nahegelegenen Hohenstein. Dieser hatte mehr Wurfgeschosse zur Verfügung, mit denen er den ‚Felshocker‘ unter den Gesteinsbrocken bewarf und schließlich begrub. Dort soll man den ‚Felskocker‘ noch manchmal brüllen hören.

Die Geologen haben eine andere Theorie, hier die Kurzform:
Die Felsbrocken, genannt ‚Quarzdiorite‘ entstanden bei der Gesteinsschmelze die durch die Kollision zweier Urkontinente im Erdaltertum vor rund 340 Mio. entstanden und in der Erdkruste in 12 km Tiefe erkalteten. Das darüber liegende Gebirge wurde in der Folgezeit abgetragen, so dass die ehemals tief in der Erdkruste befindlichen Gesteinsbrocken heute an der Oberfläche liegen. Ihre abgerundete Form erhielten sie durch die sogenannte ‚Wollsackverwitterung‘. Vor 50 Mio. Jahren herrschte in dieser Region subtropisches Klima, es kam zu saurem Regen, der die genannte Verwitterung in Gang setzte, als deren Ergebnis nur die rundlichen Gesteinskerne übrig blieben. Kürzlich, in der Kaltzeit, d.h. vor 2,6 Mio. bis 10.000 Jahren kam es durch Frost erneut zu Erdbewegungen. Die Gesteinskerne wurden talwärts abtransportiert und sammelten sich in Rinnen, wo sie heute noch als Felsenmeer anzutreffen sind.

Es ist bekannt, dass bereits die Römer die Granitblöcke als Baumaterial verwendeten, die Säule (Foto) gibt davon ebenfalls Zeugnis wie auch das vorgefundenen Handwerkszeug.

Am Fuße des Felsenmeers bei Lautertal entspringt eine Quelle, die Siegfried-Quelle. Hier soll gemäß der Nibelungensage Hagen von Tronje den edlen Siegfried ermordet haben. Fairerweise ist hinzuzufügen, dass mehrere Quellen im Odenwald dies für sich reklamieren.

Angeregt von der Siegfried-Quelle erfahren wir, dass wir uns mitten im Land der Nibelungen befinden. Die Nibelungenstraße führt von Worms im Westen bis Tauberbischofsheim im Osten durch den Odenwald.

Wir setzen sie auf die Liste potenzieller künftiger Urlaubsziele.

Aber der Odenwald hat auch andere Seiten. Z.B. einen Regentag, Cape an,
Cape aus und dann auch noch drei steile Auf- und Abstiege. Eine einzige
Schinderei. Die Laune sinkt, die Füße sind platt, die Knie rund.
Demgegenüber andere Tage die sich mehr wie einen Sonntagsausflug mit
vielen Aaaa’s und Oooo’s anfühlen als eine Fernwanderung.

Was im Odenwald sonst noch auffällig war:
☆ Im nördlichen Teil kaum Fichten, daher auch nur geringe Schäden durch den Borkenkäfer.
☆ Fast ausschließlich Laubwälder, die Buchen wirken sehr vital und weisen kaum Gelbfärbung auf (im Gegensatz zum Taunus und den Hängen des Lahntals).

☆ Viele artenreiche Streuobstwiesen.

☆ Mirabellen in Hecken und am Wegrand, nicht nur in gelb sondern auch orange, rot und lila

☆ Besondere Spezialität, des Odenwslds: Kochkäseschnitzel

☆ Unglaubliche Blickbeziehungen nach Frankfurt und ins Rheintal, Suchbild anbei

☆ Viel mehr (Reit)Pferde als Kühe auf den Weiden, ein Indikator für die Nähe zu den PferdeliebhaberInnen in Frankfurt, Darmstadt bzw. Rheintal.

☆ Ein Hotel mit angegliederter Bison-Weide. Wir denken es waren Wisente (heimische Wildrinder), aber Bisons vermarkten sich nun mal besser im Sinne der Wildwestromantik. Bis auf 10 m waren wir dran. Doch dann versagte erstmals Georgs Fähigkeit als Flüsterer, mit der er bisher jede Kuh und jedes Pferd an den Zaun gelockt hat. Die Bisons jedenfalls stoben davon, daher nur ein Suchbild.

Vor 50, in Worten fünfzig Jahren hat Pashya/Gerti im Odenwald, (etwa 30 km östlich unsrer Route) einen Teil ihrer Lehre absolviert. Wandern wäre damals undenkbar spießig gewesen; auch für Georg, der zu der Zeit mit seiner Velo-Solex durch Frankreich knatterte. Aber wie schon Udo Jürgens zu singen wusste: ‚Mit 66 Jahren fängt das Leben an….“

Der E 1 führt etwa 10 km östlich an Heidelberg vorbei, das finden wir schade und steigen in Ziegelhausen auf einen Abstecher in den Bus. Heidelberg ist unser erster Halt in Baden- Württemberg, man merkt es an der Sprache und der Speisekarte. Hier gibt’s Saumagen und Maultaschen.

100% warm werden wir mit der Stadt nicht. Da ist die berühmte Reizüberflutung: Vor dem Hotel Baustelle, dahinter Züge; Altstadt und Schloss bildschön, historisch und romantisch, aber ohne Ende bevölkert von US-amerikanischen, chinesischen und sonstigen internationalen Touristen. Und wir zwei, mit Socken in Sandalen (es ist kühl), was aber bei dem bunten Völkergemisch in Turnschuhen und Schlappen nicht weiter auffällt.

Das Schloss, genauer gesagt die Ruine aus Neckartäler Sandstein ist schon sehr, sehr beeindruckend. Und der Blick ins Neckartal sensationell. Seit dem 13. Jahrhundert wurde die Anlage in verschiedenen Epochen von einer einfachen Burg mit mehreren Renaissance Palästen, Befestigungsanlagen und einem Schlosspark ergänzt. Bis zur Zerstörung im Pfälzischen Erbfolgekrieg Ende des 17. Jahrhunderts war das Schloss die Residenz der Kurfürsten von der Pfalz. Seit den Zerstörungen durch die Soldaten Ludwigs des XIV (1689/1693) wurde das Heidelberger Schloss nur teilweise restauriert. Nach einem Blitzeinschlag knapp 100 Jahre später ist die Restaurierung dann ganz aufgegeben worden. Die konservierte Ruine ist das Wahrzeichen der Stadt Heidelberg.

Positiv aufgefallen sind uns die vielen jungen entspannten Leute, die sich für eine der unzähligen Bildungseinrichtungen entschieden haben. Gleiches gilt für die Unmengen Fahrräder am Hauptbahnhof. Heidelberg ist ja auch IBA Stadt, da gibt es bestimmt schon einige innovative Projekte zu sehen, aber unsere Visite ist rein privat (schon wegen der Socken).



10. – 14.08.

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 14.08.2019 19:36

Idstein ist super, die Innenstadt, wie aus dem Kleinstadt-Fachwerk-Bilderbuch. Mehrere der zahlreichen Linien der Nassauer haben in der Burg residiert. Im Wahrzeichen der Stadt, dem Hexenturm waren nie Hexen inhaftiert, gleichwohl wurden viele namentlich bekannte Männer und Frauen verfolgt und hingerichtet. Auf der Straße vor dem Bioladen liegen goldene Kartoffeln. Wir genießen die Dachwohnung und kochen mal wieder selbst (Nudeln). Idstein liegt in Hessen und es gibt Ebbelwoi.

Entlang des Limes folgen wir den Spuren der Römer. Von der Zeitenwende bis zur Mitte des dritten Jahrhunderts haben sie die nördliche Grenze des Römischen Reichs mit einem streng organisierten System von Wällen, Palisadenzäunen, Wachtürmen und Kastellen gegen die germanischen Barbaren abgesichert (für uns heißt das, Rom ist zwar noch weit, aber ab hier bewegen wir uns nur noch im ehemaligen Hoheitsgebiet der Römer).

Am Altkönig und bei Oberursel treffen wir (leider) nur noch auf fragmentarische Trockensteinwälle der hier ab dem 8. bzw. 3. Jahrhundert v. Chr. siedelnden keltischen Volksstämme. Dabei war das ‚Heidetränk-Oppidum‘ bei Oberursel eine der größten keltischen Siedlungen im deutschsprachigen Raum. Vermutlich in Folge germanischer Überfälle wanderten die Kelten ab, noch bevor die Römer auf den Plan traten. Diese heimatkundliche Blitz-Lektion haben wir Infotafeln entnommen, und im Archäologischen Museum in Frankfurt verifiziert. Doch vor Frankfurt lag noch der Hohe Feldberg, mit 880m unser bisher höchster Gipfel (daher das unvermeidliche Selfi).

Frankfurt ist einerseits ein ‚Kulturschock‘ andererseits ein willkommenes ‚Bad‘ in Kultur und Urbanität. Frankfurt hat wie viele andere Städte die Wasserfront entdeckt, der Main ist mittels einer gut angenommenen Promenade erlebbar, eine ganze Reihe von Museen befinden sich hier. Unsere Wahl fällt auf das Deutsche Architektur Museum (Neues Wohnen, neues Leben). Auf der anderen Mainseite erkunden wir das Archäologische Museum, die Paulskirche und das Areal um den Römer. Abends führt kein Weg an Sachsenhausen vorbei. Natürlich gibt’s Ebbelwoi, Handkäs mit Musig un Frankforder Grün Soß, aber irgendwie ist das Viertel auch enttäuschend. Einerseits touristisch, andererseits etwas heruntergekommen. Die unzähligen Elektroroller im Stadtbild vermittelten den Eindruck, als seien wir nach langer Zeit aus der Wildnis in die Stadt gekommen und stünden vor einer Revolution der Mobilität.

Überraschung. Südlich von Frankfurt weist der E1 einen ganzen Tag keinerlei Steigung auf. Wir fahren zunächst mit dem Bus bis an den südlichen Stadtrand und starten im Frankfurter Grüngürtel, dem Pendant zum Hamburgischen Grünen Ring! Nach kurzer Zeit führt der Weg an das Autobahn Südkreuz und die Einflugschneise des Flughafens. Hier ist es irre, fast menschenverachtend laut. Wie können die Menschen die hier wohnen gesund bleiben? Wir wandern (zum Glück) weiter.

In Dreieichenhain kreuzt der E 1 den 50. Breitengrad. In diesem gut situiert anmutenden, von einer Golfanlage und diversen Reiterhöfen umgeben mittelalterlichen Städtchen genehmigen wir uns ein Eis. Der Tischnachbar erklärt ungefragt, dass hier viele Millionäre wohnen, die sich was einbilden. Und tatsächlich wir sind umgeben von lauter schönen Menschen.

Nachtrag.

Haben wir im letzten Beitrag unser Wanderleben zu knapp bzw. zu positiv skizziert? Spontan fällt noch eine Sache ein, die nur beim Ausnahmezustand Wanderung geht: Socken in Sandalen. Im richtigen Leben ein Tabu! Zum Glück stellt sich die Sockenfrage in Frankfurt nicht, es ist warm.

Und ja, Annette Badezeug ist dabei genauso wie Portmonee und Telefon. Wir wurden noch gefragt ob wir uns wirklich nicht streiten. Aber mal ehrlich, über was könnte man sich denn streiten, nachdem die Grundidee des Wanderns Konsens ist: Frühstücken um halb acht oder um acht? Wer bekommt das rechte und wer das linke Bett??? Ein weiteres Diskussionsthema, ob das da oben ein Habicht oder ein Bussard ist, entscheidet jetzt die von Georg entdeckte App ‚Nabu Vogelwelt‘. Und, dass Pashya/Gerti bei steilen Bergen kleine Schritte macht, einatmen – ausatmen – einatmen – … um asthmatische Schnappatmung zu vermeiden, ist nicht verhandelbar. Falls Georg ungeduldig wird, lässt er es sich nicht anmerken.

Nach rund acht Wochen und ca. 900 km halten wir es alles in allem mit dem Buchtitel, den Kaethe (Pashya/Gerti’s Kunstlehrerin) für uns entdeckt hat: ‚Vom Glück des Wanderns‘.



05. – 09.08.

2019 von Hamburg nach Konstanz Posted on 08.08.2019 21:38

Nassau hat uns gut gefallen. Trotz weitgehender Zerstörung der Innenstadt im zweiten Weltkrieg und diversen Leerständen hat der Ort ein gewisses Flair, das liegt sicher am lebhaften Wassersport auf der Lahn, die wir hier voller Freude als veritablen Fluss erleben, während sie nur eine gute Woche vorher an ihrer Quelle noch ein unbedeutendes Rinnsal war.

Ebenso besonders sind die diversen historischen Gebäude (die unterschiedlichen Zweige derer von Nassau und sowieso… haben hier ihre Wurzeln).

In Nassau verabschieden wir uns vom Westerwald und es geht entlang der Lahn nach Laurenburg (Stammsitz des Adelsgeschlechts von Nassau und Oranien, d.h. des niederländischen Herrscherhauses!). Der anspruchsvolle und zugleich kurzweilige Weg führt vorbei an einer Lahn-Schleuse, mehreren Weinbergen und Winzerstuben, dem Kloster Arnstein, einer ehemaligen Abtei der Prämonstratenser. Diese fühlten sich der Urkirche verpflichtet und pflegten daher einen regen Austausch mit dem nahegelegenen Nonnenkloster, das heute eine wildromantische Ruine ist. Belegt sind unterirdische Gewölbe, der Fund von Säuglingsleichen fällt dagegen in den Bereich der Fabeln.

Nach einem weiteren Wandertag verlassen wir unter heftigem Gekraxel das Lahntal und betreten den Untertaunus. Ebenso wie im Westerwald sehen wir Dörfer, in denen zahlreiche Gebäude vernachlässigt bis baufällig sind, insbesondere ehemalige Scheunen und Ställe. Als ‚Unsitte‘ nehmen wir Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit unverputzten Hohlblocksteinen wahr. An den Dorfrändern ballen sich die Neubaugebiete aus dem Baumarktsortiment. Anders als der Westerwald zeichnet sich der Taunus durch ein sehr bewegtes Relief aus. Schweißtreibend geht es ‚als zus noff en nopp‘. Als es am 7. August morgens auch noch in Strömen regnet, sinkt der Motivationspegel ins Minus. Angesichts der Alternative, den Tag im Gelsenkirchener Barock des Hotels zu verbringen, schlagen wir uns bis Idstein durch und verordnen uns 3 volle Tage Pause. Drei Tage ohne Wecker! Das, liebe Annette, ist die Gelegenheit um auf deine und weitere Fragen einzugehen und unseren Alltag zu skizzieren.

☆ Wie läuft ein normaler Wandertag ab?

Der Wecker klingelt eine halbe Stunde bevor es Frühstück gibt. Die Zeit reicht für das morgige Erfrischungsprogramm, denn rasieren und schminken entfallen mangels der dafür notwendigen Utensilien. (Sie mussten zur Gewichtseinsparung zuhause bleiben).

Das Frühstück besteht meist aus rosa Aufschnitt, weichen Käsescheiben, weißen Brötchen und Marmelade. Sternstunden leuchten auf, wenn, was nicht so oft der Fall ist, außerdem Müsli, Obst, Eier, Joghurt, etc. auf dem Tisch stehen.

Bevor wir uns auf den Weg machen schauen wir uns die voraussichtliche Tagesetappe des E1 an. Zur Vorbereitung der Wanderung hat Georg den gesamten Streckenverlauf aus dem Netz herunter geladen und auf unseren Smartphone gespeichert. Wenn wir morgens losgehen, kennen wir den vorgezeichneten Weg (hellblau) und aktivieren die Route die wir tatsächlich laufen als aktuellen GPX Track (rot) und zeichnen ihn auf. Damit können wir immer sehen wo wir gerade sind, ob wir dem E1 folgen oder uns auf eine Abkürzung einlassen.

Nach etwa drei Stunden und ungefähr 10 km (je nach Tagesform und ergatterten Höhenmetern) halten wir Ausschau nach einer Bank und machen unsere große Pause. Da gibt’s dann die beim Frühstück geschmierten Brötchen bzw. Brote und falls ein Lebensmittelgeschäft auf dem Weg lag auch noch frisches Obst. Am Nachmittag geht’s dann etwas langsamer voran. Wie am Vormittag muss zwischendurch fotografiert, Wasser getrunken, Brombeeren oder Maiskolben genascht bzw. über die jeweilige landwirtschaftliche Nutzung debattiert werden (…sind die schwarzen Stängel Saubohnen? Sind die Feldblumen am Vorgewende Teil eines Förderprogramms für Ackerrandstreifen? Das goldgelbe, glänzende Stroh ist leicht als Haferstroh zu erkennen…). Ganz, ganz selten kommen wir durch einen Ort mit Café oder Eisdiele, wenn das der Fall ist, ist ein Zwischenstopp unabdingbar.

Die angepeilte Unterkunft haben wir meist am Abend zuvor gebucht. Das ist immer dann zwingend erforderlich, wenn es weit und breit nur eine Möglichkeit gibt. Nach der Ankunft ist die erste Handlung das Wäsche waschen und dann bereitet es Vergnügen zu duschen, zu relaxen und die Füße zu massieren. Danach folgt die nächste große Freude, das Abendessen, aus Mangel an Alternativen meist im jeweiligen Gasthof.

Daheim achten wir auf eine ausgewogene, fleischarme Ernährung. An den kühlen bzw. anstrengenden Wandertagen ist die Lust auf deftiges Essen unbändig, im Angebot stehen alle Arten von Schnitzeln, Bratkartoffeln und Currywurst. An den heißen Tagen fällt die Wahl auf große Salatteller. Und dazu ein kaltes Bier. Alles in allem sind unsere Ernährungsgewohnheiten wirklich nicht die gesündesten. Das mag der Grund sein, weshalb sich, anders als erhofft die Körpermitten nicht dezimieren sondern eher ausdehnen. Die besten Indikatoren dafür sind die Hosenbünde.

☆ Was steckt in unseren Rucksäcken?

Wenn alle Dinge die mit auf die Reise sollen, auf dem eigenen Rücken, und das über einen Zeitraum von drei Monaten getragen werden müssen, reduziert es sich schnell auf das aller aller Notwendigste. Bei Kleidung ist das:

Pashya/Gerti:
1 lange Hose,
1 Shorts,
1 langes T-Shirt,
2 kurze T-Shirts,
1 Nachtshirt,
1 dünne Fleecejacke,
2 x Unterwäsche,
1 Regencape, 2 Paar Socken,
1 Paar Sandalen,
1 Mütze,
1 Tuch .

Dazu kommt der schlanke Kulturbeutel, Medikamente, Wanderstöcke, Igelball

Georg:
2 Zipp Hosen,
2 kurzärmelige Hemden,
1 Windjacke,
1 Paar Ärmelinge,
1 Nachtzeug,
2× Unterwäsche, 2 Paar Socken,
1 Paar Sandalen,
1 Mütze.

Dazu kommt der Kulturbeutel incl. elektrische Zahnbürste, Kamera, kleines Notebook, Powerbank

Die von daheim bekannten Entscheidungsschwierigkeiten: Was soll ich den heute nur anziehen, entfallen. Und das ist kein Problem. Im Schnitt besitzt jeder Mitteleuropäer 10.000 persönliche Dinge. In Ausnahmesituationen wie der unsrigen wird man sowohl beim Essen, den Pflegeprodukten wie auch bei der Kleidung genügsam, ohne das als großen Mangel bzw. Verzicht zu erleben. Und das ist eine ganz faszinierende Erkenntnis!

☆ Wie klappt die Versorgung?

Das ist ganz einfach. Wir kommen immer wieder durch größere Orte, in denen Vorräte an Sonnenmilch, Batterien, Klingen für den Hornhauthobel etc. aufgefüllt werden. Nach Möglichkeit vermeiden wir es, Teile doppelt dabei zu haben.

☆ Kann das gehen, wochenlang zu zweit ohne Streit?

Eine gute Frage und Anlass für eine kleine Reflexion. Bisher haben wir es sehr gut hinbekommen. Vielleicht ticken wir ähnlich, auf jeden Fall versuchen wir beide (unabgesprochen) auf den/die andere/n einzugehen und uns gegenseitig zu unterstützen. Hilfreich ist auch eine gewisse Arbeitsteilung: Georg ist Chefnavigator, Administrator und Lektor. Pashya/Gerti textet, macht Fotos und verwaltet die Haushaltskasse. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass stundenlanges Laufen Raum und Zeit eröffnet, um sich kontemplativ zu versenken oder die Gedanken ausschweifen zu lassen. Dazu kommt der Spaß, immer wieder miteinander zu flachsen.



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